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Warum unterscheiden sich Immobilienbewertungen so stark?

  • 4. Aug.
  • 8 Min. Lesezeit

Dieselbe Immobilie, drei Fachleute, drei Zahlen weit auseinander. Kein Zufall, sondern System – und wer das System versteht, liest jede Bewertung souveräner.


Warum unterscheiden sich Immobilienbewertungen so stark – 520.000, 610.000 und 445.000 Euro für dieselbe Immobilie

 

Du lässt deine Immobilie bewerten. Dreimal, von drei Fachleuten. Und bekommst drei Zahlen, die kilometerweit auseinanderliegen.


520.000 Euro. 610.000 Euro. 445.000 Euro.


Gleiche Immobilie. Gleiche Woche. Gleicher Markt. Dein erster Gedanke: Einer von denen muss sich irren. Doch meistens irrt sich keiner. Die Spanne ist selten ein Fehler – sie ist die logische Folge davon, wie und wofür bewertet wurde. Und von wem.


KURZ GESAGT

Immobilienbewertungen unterscheiden sich, weil vier Dinge variieren: das Verfahren, der Anlass, die Datenbasis und das Interesse dessen, der bewertet. Jeder dieser Faktoren bewegt die Zahl – oft um zweistellige Prozentsätze. Erst wenn du alle vier kennst, wird aus einer Zahl eine belastbare Aussage.



Infografik Nova-Do: Vier Faktoren einer Immobilienbewertung – Verfahren, Anlass, Datenbasis und Interesse

01  Das Verfahren

Drei Wege, drei Ergebnisse – alle rechtskonform


In Deutschland wird nicht nach Bauchgefühl bewertet, sondern nach der Immobilienwertermittlungsverordnung (ImmoWertV 2021), in Kraft seit dem 1. Januar 2022. Sie kennt drei standardisierte Verfahren – und je nachdem, welches angewendet wird, kommt für dasselbe Objekt eine andere Zahl heraus.

Verfahren

ImmoWertV

Basis

Typisch für

Vergleichswert

§§ 24–26

Tatsächlich erzielte Kaufpreise vergleichbarer Objekte.

Eigentums-wohnungen, Standard-Häuser, Grundstücke

Ertragswert

§§ 27–34

Nachhaltig erzielbare Mieterträge, kapitalisiert.

Vermietete Kapitalanlagen, Mehrfamilien-häuser

Sachwert

§§ 35–39

Bodenwert plus Herstellungskosten, minus Alterswertminderung.

Selbstgenutzte & besondere Objekte

 

Seit 2022 sind diese Verfahren nur noch Grundsatz, nicht mehr zwingend – die Wahl muss aber begründet werden. Ein freistehendes Haus über den Sachwert bewertet ergibt fast zwangsläufig eine andere Zahl als über den Vergleichswert. Beide Wege sind sauber. Beide sind verteidigbar. Und beide führen zu unterschiedlichen Beträgen.


Vergleich der drei Bewertungsverfahren nach ImmoWertV 2021: Vergleichswert, Ertragswert und Sachwert

02  Der Anlass

Nicht „Was ist es wert?", sondern „Wert wofür?"


Der häufigste Denkfehler: anzunehmen, eine Immobilie habe einen Wert. Tatsächlich hängt die richtige Zahl davon ab, welche Frage du stellst. Drei Anlässe, drei völlig legitime Werte:

Wert

Rechtsgrundlage

Bedeutung

Verkehrswert

= Marktwert

§ 194 BauGB

Am Stichtag erzielbarer Marktpreis. Verkehrswert und Marktwert meinen dasselbe. Die Zahl für den Verkauf.

Beleihungswert

BelWertV · § 16 PfandBG

Bewusst vorsichtiger Bankwert ohne spekulative Phasen. Darf den Marktwert nie übersteigen, liegt meist 10–30 % darunter.

Steuerlicher Wert

Finanzamt · Erbschaft / Schenkung

Standardisiertes Massenverfahren. Kann pauschal nach oben oder unten vom Marktwert abweichen.

 

Dasselbe Haus ist also gleichzeitig 520.000 Euro (Markt), rund 400.000 Euro (Bank) und ein dritter Betrag (Finanzamt) wert – ohne Widerspruch. Es sind drei Antworten auf drei verschiedene Fragen.



Balkendiagramm Nova-Do: Ein Haus, drei Werte – Verkehrswert, Beleihungswert und steuerlicher Wert im Vergleich

03  Das Interesse

Wer bewertet – und was hat er davon?


Hier wird es unbequem, aber ehrlich. Nicht jede Bewertung ist neutral gemeint. Der gleiche Quadratmeter bekommt eine andere Zahl, je nachdem, welches Interesse dahintersteht.


Der Online-Rechner

Kostenlos, in Sekunden, bequem. Aber: Er arbeitet mit Durchschnittsdaten, war nie vor Ort und ist häufig ein Instrument zur Adressgewinnung. Als erste Orientierung brauchbar. Als Entscheidungsgrundlage nicht.


Die Makler-Einschätzung

Marktnah und schnell – und trotzdem musst du eine Sache mitdenken: Wer den Verkaufsauftrag gewinnen will, hat einen Anreiz, eine schmeichelhafte Zahl zu nennen. Eine hohe Bewertung sichert das Mandat. Korrigiert wird sie später vom Markt, nicht vom Exposé. Das ist keine Unterstellung, sondern schlicht die Logik der Anreize – und ja, sie gilt auch für mich.


Die Bank

Bewusst konservativ, aus gutem Grund (siehe Beleihungswert). Kein Misstrauen dir gegenüber, sondern gesetzliche Vorsicht.


Der Sachverständige

Ein öffentlich bestellter, vereidigter oder zertifizierter Gutachter arbeitet neutral, methodisch und liefert ein Ergebnis, das vor Gericht und Finanzamt Bestand hat. Kostet Zeit und Geld – dafür trägt niemand ein Verkaufsinteresse mit ins Gutachten.


Die entscheidende Frage ist nicht nur, wie jemand bewertet – sondern, was er davon hat, dass die Zahl so ausfällt, wie sie ausfällt.


04  Die Datenbasis

Kleine Annahmen, große Hebel


Selbst bei gleichem Verfahren und gleichem Anlass entstehen Unterschiede – weil jede Bewertung auf Annahmen ruht:


–    Bodenrichtwerte & Kaufpreissammlung stammen von den Gutachterausschüssen. Wie aktuell und wie vergleichbar diese Daten sind, schwankt von Lage zu Lage.


–    Zustand & Modernisierung werden eingeschätzt, nicht gemessen. Restnutzungsdauer, Sanierungsstand und Energieeffizienz verschieben den Wert spürbar.


–    Liegenschaftszins & angesetzte Miete sind beim Ertragswert die stärksten Hebel. Ein Prozentpunkt mehr oder weniger bewegt Zehntausende.


–    Der Stichtag ist eine Momentaufnahme. Die Zinswende seit 2022 hat gezeigt, wie schnell sich Werte neu einpreisen. Eine Bewertung gilt für einen Tag, nicht für die Ewigkeit.


Vier kleine Stellschrauben, und schon liegen zwei seriöse Gutachten 15 % auseinander. Nicht weil einer schlampt – sondern weil Bewertung immer auch Auslegung ist.


→  Vier Fragen an jede Bewertung


Eine einzelne Zahl sagt dir wenig. Vier Fragen sagen dir alles. Halte jede Bewertung, die du bekommst, gegen diese Prüfung:


–    Nach welchem Verfahren wurde bewertet? Vergleichs-, Ertrags- oder Sachwert?

–    Für welchen Anlass? Verkauf, Finanzierung, Erbfall, Steuer?

–    Auf welcher Datenbasis? Wie aktuell, wie vergleichbar, mit Besichtigung?

–    In wessen Interesse? Wer profitiert davon, dass die Zahl so hoch oder so niedrig ist?


Eine Bewertung, die diese vier Fragen nicht beantworten kann, ist kein Wert. Sie ist eine Meinung im Euro-Gewand. Und die Spanne zwischen den Zahlen? Kein Ärgernis, sondern Information: Sie zeigt dir, wie viel Spielraum in deiner Immobilie steckt – nach oben wie nach unten.


05  Warum Makler so unterschiedlich bewerten

Die Verkaufslogik hinter der Zahl


Jetzt zum Punkt, der Eigentümer am meisten irritiert: Warum nennen dir drei Makler für dieselbe Immobilie drei völlig verschiedene „Marktwerte" – obwohl alle denselben Markt kennen? Die kurze Antwort: Weil eine Makler-Bewertung selten eine reine Wertermittlung ist. Sie ist fast immer auch eine Verkaufsentscheidung. Dahinter stehen drei sehr unterschiedliche Logiken.


Die zu hohe Bewertung – das Lockangebot

Wer den höchsten Preis nennt, gewinnt den Auftrag. Manche Makler wissen das und nennen bewusst eine Zahl, die dein Herz höherschlagen lässt. Das Ziel ist nicht der Verkauf zu diesem Preis – das Ziel ist die Unterschrift unter den Alleinauftrag. Nach ein paar stillen Wochen kommt dann die „Marktanpassung" nach unten. Der Haken: Eine zu teuer gestartete Immobilie gilt am Markt schnell als Ladenhüter. Wer zu spät reduziert, verkauft am Ende oft unter Wert.


Die zu niedrige Bewertung – der schnelle Abschluss

Seltener, aber ebenso real. Ein niedriger Preis verkauft sich fast von allein – schnell, mit wenig Aufwand, mit sicherer Provision. Für den Makler rechnet sich das: Bei rund 3 % Provision bringen ihm 20.000 Euro mehr Verkaufspreis nur etwa 600 Euro. Dir bringen sie 20.000 Euro. Der Makler hat also wenig Anreiz, um die letzten Prozente hart zu verhandeln – du schon. Die Interessen sind nicht gleich verteilt.


Die realistische Bewertung – der Marktpreis

Der seriöse Weg: eine Zahl, die sich aus echten Vergleichsabschlüssen ableitet – nicht aus den Angebotspreisen der Portale. Dazu eine klare Strategie, wie aus diesem Wert ein Angebotspreis wird, samt Begründung.


Damit sind wir beim wichtigsten Unterschied, den kaum jemand ausspricht: Marktwert, Angebotspreis und Verkaufspreis sind drei verschiedene Zahlen.


–    Marktwert – was die Immobilie realistisch wert ist.

–    Angebotspreis – die strategische Startzahl in der Vermarktung. Kann bewusst leicht darüber liegen (Verhandlungsspielraum) oder knapp darunter (Bieterverfahren).

–    Verkaufspreis – was am Ende tatsächlich im Notarvertrag steht.


Wenn ein Makler dir eine Zahl nennt, frag deshalb immer: Ist das der Marktwert oder schon der Angebotspreis? Und woraus leitest du ihn ab?



Warum Makler so unterschiedlich bewerten: Lockangebot, Schnellverkauf und realistischer Marktpreis im Vergleich – Nova-Do

Die Zahl eines Maklers ist selten nur ein Wert. Sie ist meistens auch eine Strategie – frag, welche.


Die Eigentümer-Guideline


Du kannst dich schützen. Zwei Checklisten – eine für den richtigen Makler, eine für den richtigen Preis.


Teil 1 · So erkennst du den richtigen Makler


–    Fragt nach Methodik, nicht nach Bauchgefühl. Er zeigt dir, aus welchen konkreten Daten sein Wert stammt.

–    Nennt eine Spanne, keine Punktlandung. Seriöse Bewertung ist ein begründeter Korridor, kein exakter Wunschbetrag.

–    Trennt Marktwert und Angebotspreis. Er erklärt dir seine Preisstrategie – und warum.

–    Lässt sich nicht über den höchsten Preis kaufen. Wähle nicht automatisch den, der die höchste Zahl nennt. Frag ihn, wie er sie belegt.

–    Ist transparent bei Provision und Vertrag. Höhe, Alleinauftrag ja/nein, Laufzeit, Kündigung. Kurze Laufzeit und klare Ziele schützen dich.

–    Kennt deinen Mikromarkt. Erfahrung in deiner Straße, deinem Viertel, deinem Objekttyp schlägt allgemeine Marktkenntnis.

–    Redet über Risiken, nicht nur Chancen. Wer nur Bestpreise verspricht und keine Fallstricke nennt, verkauft dir vor allem sich selbst.



Checkliste: den richtigen Makler erkennen – sechs Signale für seriöse Beratung, Nova-Do

Teil 2 · So findest du den richtigen Angebots- und Verkaufspreis


–    Starte beim Marktwert, nicht beim Wunsch. Basis sind echte Daten und – im Zweifel – eine unabhängige Wertermittlung.

–    Verstehe den Angebotspreis als Strategie. Leicht über Marktwert = Verhandlungsspielraum. Genau am Markt = schnelle, saubere Vermarktung. Knapp darunter = gezieltes Bieterverfahren. Jede Variante hat einen Zweck – lass ihn dir begründen.

–    Meide den Überpreis-Fehler. Zu teuer gestartet heißt: wenig Anfragen, lange Standzeit, „verbrannt" am Markt – und am Ende oft ein niedrigerer Abschluss als bei realistischem Start.

–    Meide den Unterpreis-Fehler. Zu billig verschenkst du Substanz, die du nie zurückholst.

–    Rechne mit der Differenz Angebot–Abschluss. In vielen Lagen liegt der erzielte Preis unter dem Startpreis. Kalkuliere den Korridor ein, statt dich am Startpreis festzuklammern.

–    Nutze die ersten zwei Wochen als Preisfeedback. Anfragen und Besichtigungen sind dein ehrlichster Gradmesser. Bleibt es still, stimmt der Preis nicht – nicht der Markt.

–    Hol dir eine unabhängige Zweitmeinung. Eine neutrale Einordnung ohne Verkaufsinteresse zeigt dir, ob die Maklerzahl trägt.


?  Häufige Fragen


Welche Immobilienbewertung ist die „richtige"?

Es gibt nicht die eine richtige Bewertung, sondern die passende – abhängig von deinem Ziel. Für rechtssichere Anlässe (Erbe, Scheidung, Streit mit dem Finanzamt) brauchst du ein Verkehrswertgutachten. Für eine Verkaufsstrategie zählt eine fundierte, marktnahe Einschätzung. Für die erste Orientierung reicht ein Online-Rechner – aber nur als grober Startpunkt.


Warum bewertet die Bank meine Immobilie niedriger?

Die Bank ermittelt nicht den Marktwert, sondern den Beleihungswert nach BelWertV und Pfandbriefgesetz. Dieser Wert muss langfristig und vorsichtig sein und darf spekulative Marktphasen nicht enthalten. In der Praxis liegt er meist 10–30 % unter dem Verkehrswert. Das ist keine Geringschätzung, sondern gesetzliche Vorschrift.


Sind kostenlose Online-Bewertungen verlässlich?

Als grobe Orientierung ja, als Entscheidungsgrundlage nein. Online-Rechner arbeiten mit Durchschnittsdaten, ohne Besichtigung und ohne Blick auf die Besonderheiten deines Objekts. Häufig sind sie zudem ein Werkzeug zur Kontaktgewinnung. Nimm die Zahl als Startpunkt, nicht als Ergebnis.


Wann brauche ich ein Verkehrswertgutachten?

Immer dann, wenn der Wert belastbar und nachprüfbar sein muss: bei Erbfall und Nachlass, bei Scheidung, bei Schenkung, im Streit mit dem Finanzamt oder vor Gericht. Für einen normalen Verkauf genügt oft eine qualifizierte Marktwerteinschätzung.


Warum bewerten zwei Makler mein Haus so unterschiedlich?

Weil eine Makler-Bewertung selten nur eine Wertermittlung ist, sondern meist auch eine Verkaufsstrategie. Der eine nennt bewusst einen hohen Preis, um den Auftrag zu gewinnen (Lockangebot), der andere einen niedrigen für den schnellen Abschluss. Dazu kommen unterschiedliche Datenquellen: Wer sich an Angebotspreisen der Portale orientiert statt an echten Abschlüssen, liegt systematisch zu hoch.


Sollte ich den Makler mit dem höchsten Angebotspreis wählen?

Nicht automatisch. Die höchste Zahl gewinnt oft den Auftrag, nicht den Verkauf. Eine zu teuer gestartete Immobilie bleibt liegen und wird am Markt „verbrannt" – am Ende steht häufig ein niedrigerer Preis als bei realistischem Start. Wähle den Makler, der seine Zahl mit echten Vergleichsabschlüssen belegen kann.


Was ist der Unterschied zwischen Angebotspreis und Verkaufspreis?

Der Angebotspreis ist die strategische Startzahl in der Vermarktung – er kann bewusst über oder unter dem Marktwert liegen. Der Verkaufspreis ist der Betrag, der am Ende im Notarvertrag steht. Beide können deutlich auseinanderliegen; entscheidend ist der erzielte Verkaufspreis, nicht der Startpreis.

 

Drei Zahlen. Eine Entscheidung.

Der teure Fehler ist nicht, mehrere Bewertungen zu haben. Er ist, die falsche zur Grundlage einer großen Entscheidung zu machen. Bevor du einen Maklervertrag unterschreibst oder einen Preis festlegst, lohnt sich eine neutrale Zweitmeinung. Was oft fehlt, ist nicht eine weitere Zahl – sondern eine unabhängige Perspektive, die Verfahren, Anlass, Daten und Interessen zusammenführt. Genau da setzen wir bei Nova-Do an: ohne Produktinteresse, ohne Verkaufsdruck.



Klarheit für Entscheidungen, die zu teuer sind für Bauchgefühl.

 

Mark Wieczorrek · Nova-Do, Stuttgart · Bankkaufmann (IHK), MBA in Digital Finance, § 34c GewO · Immobilien, Finanz- & Nachfolgeplanung, CFO-Advisory.


Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine individuelle rechtliche oder steuerliche Beratung im Einzelfall. Rechtsstand: ImmoWertV 2021 (in Kraft seit 01.01.2022), § 194 BauGB, BelWertV / § 16 PfandBG. Alle Beträge sind Beispielwerte.

 
 
 

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